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Stressbewältigung für Kinder: Warum Entspannung wichtig ist

Viele Kinder leiden körperlich oder seelisch unter hohen Anforderungen in der Schule und zu Hause. Wir haben die Psychotherapeutin Helga Land-Kistenich gefragt, wie Eltern ihrem Nachwuchs helfen können, Stress abzubauen und Entspannung zu finden.


© FatCamera / Getty Images

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Reizüberflutung, Leistungsdruck und Freizeitstress gehören heute nicht nur für Erwachsene zum Alltag, sondern machen oft schon Kleinkindern zu schaffen. Viele von ihnen leiden dann unter ähnlichen Stresssymptomen wie die Eltern. Aktive Entspannung kann Kindern dabei helfen, Ruhe zu finden und wieder Kraft zu schöpfen. Die Berliner Psychotherapeutin Helga Land-Kistenich arbeitet häufig mit Kindern und Jugendlichen und führt auch spezielle Stresspräventionskurse für sie durch. Mit ihrem Buch „Ein Zoospaziergang mit der Fee Sausewind“ hat sie eine neuartige kindgerechte Anleitung zur Entspannung für Kinder entwickelt.

Mobil-e: Frau Land-Kistenich, warum leiden heute schon Kinder unter Stress?

Helga Land-Kistenich: Möglicherweise litten Kinder schon immer unter Stress, wenn wir allein an die vergangenen Kriegsjahre und Hungersnöte in Deutschland denken, aber erst seit Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es breit angelegte wissenschaftliche Untersuchungen dazu. Fragt man Kinder heute, was sie am meisten stresst, so stehen Probleme in der Schule an vorderster Stelle, direkt gefolgt von Problemen zu Hause und Problemen mit den Freunden. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Hakt man jedoch nach, so erfährt man, dass die Kinder sich häufig alleingelassen und nicht verstanden fühlen. Dies scheint tatsächlich ein Problem unserer Zeit zu sein. Offenbar haben Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen nicht mehr so viel Zeit, die Fragen der Kinder zu beantworten und ihnen Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln.

Mobil-e: Wie wirkt sich Stress bei Kindern aus?

Helga Land-Kistenich: Die Wissenschaft hat gezeigt, dass Kinder zu hohen Stress empfinden und Verhaltensstörungen entsprechend ihren emotionalen und körperlichen Beanspruchungen aufweisen. So konnte Prof. Holger Ziegler von der Universität Bielefeld 2015 in seiner Stress-Studie belegen, dass von den 1.100 befragten Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 16 Jahren rund jedes sechste Kind (18 %) in Deutschland unter hohem Stress leidet.1 Die Betroffenen fühlen sich unwohl und haben häufig ein geringes Selbstwertgefühl oder eine negative Selbstwahrnehmung. Weiterhin leiden diese Kinder häufiger unter sogenannten somatoformen Beschwerden. So haben 65 % häufiger Kopf- und Bauchschmerzen oder klagen über Schlafstörungen und Müdigkeit. Ihre Lebenszufriedenheit ist im Vergleich zu Kindern mit weniger Stress drastisch gesenkt.

Mobil-e: Wie können Eltern feststellen, dass ihr Kind gestresst ist?

Helga Land-Kistenich: Wie die genannten Studienergebnisse zeigen, können Kinder ganz unterschiedlich auf Stress reagieren. Eltern werden in vielen Fällen leider erst darauf aufmerksam, wenn Kindergarten oder Schule negative Rückmeldungen geben, weil das Kind nicht mehr richtig mitarbeitet oder sehr viele Fehler auf unterschiedlichen Gebieten macht. Zu Hause stellen sie eventuell fest, dass etwas mit ihrem Kind nicht stimmt, wenn es zum Beispiel verstärkt hyperaktiv oder aggressiv reagiert. Auch soziale Unangepasstheiten wie Stehlen oder Lügen können entsprechende Anzeichen sein. Schwerer zu erkennen und darum noch viel problematischer ist es, wenn ein Kind auf erhöhten Stress mit Rückzugsverhalten, Depressionen oder Panikattacken sowie multiplen Ängsten reagiert.

Mobil-e: Welche Entspannungstechniken eignen sich gut für Kinder?

Helga Land-Kistenich: Hier sei an erster Stelle die progressive Muskelentspannung (PMR) nach Jacobson genannt, bei der man acht verschiedene Bereiche der Körpermuskulatur hintereinander aktiv an- und entspannt und so einen tiefen Entspannungszustand erreicht. Diese Technik ist für Kinder sehr einfach zu erlernen und wird häufig mit kleinen Geschichten kindgerecht vermittelt. Auch autogenes Training kann man in abgewandelter Form gut anwenden. Besonders gern machen Kinder beim Kinder-Yoga mit, weil hier körperliche Bewegung und PMR-Elemente kombiniert angeboten werden und in kindgerechter Form leicht nachvollzogen werden können. Schließlich bieten sich Achtsamkeitsübungen an, die Kinder zum Beispiel in Form von Singen oder Malen dazu bringen, konzentriert bei einer Sache zu bleiben und sich dabei zu entspannen. In dem Buch „Ein Zoospaziergang mit der Fee Sausewind“ habe ich mit PMR-EGO gezielt für Kinder eine neue Entspannungsmethode entwickelt, die auf den neuesten neurowissenschaftlichen Kenntnissen basiert. Dabei handelt es sich um eine kindgerechte Abwandlung der PMR, des autogenen Trainings und der Achtsamkeitsübungen mit leicht nachvollziehbaren Bewegungsanteilen.

Mobil-e: Was ist das Besondere an dem Buch?

Helga Land-Kistenich: Mit der Geschichte „Ein Zoospaziergang mit der Fee Sausewind“ erlernen die Kinder, spielerisch ihren Körper zu entspannen. Gleichzeitig identifiziert sich das Kind mit einem Zootier, dessen Entspannungsübung und seinem positiv-verhaltensverstärkenden Vorsatz, der zum ständigen Begleiter des Kindes werden sollte. So macht das Kind die Übung von Bernhard dem Gorilla mit, indem es imaginär Bananen pflückt, dabei die Arme hochstreckt und anspannt und sie beim Herunternehmen wieder entspannt. Den Spruch von Bernhard dem Gorilla lernt das Kind dann auswendig:

„Ich bin ganz ruhig und entspannt
Wie Bernhard der Gorilla.
Keiner kann mich aus der Ruhe bringen!
Ich habe Zeit!“

Auch in meinen Präventionskursen arbeite ich mit dem Buch. Zum Schluss können sich die Kinder dann ein Lieblingstier aussuchen, sich darüber mit der Entspannungsübung und dem Spruch identifizieren und wenden sie so ganz automatisch viel häufiger an. Die begleitende Evaluationsstudie zeigt, dass die verhaltensverändernden Wirkungen bei den Kindern sofort nachweisbar sind und andauern.

Präventionskurse für Kinder

Ihr Kind kann nicht mehr einschlafen, bringt plötzlich schlechte Noten nach Hause oder leidet unter Appetitlosigkeit? Wenn Stress die Ursache ist, können Entspannungstechniken ihm dabei helfen, wieder zur Ruhe zu kommen. Vermittelt werden sie zum Beispiel in kindgerechten Präventionskursen, die die BKK Mobil Oil mit bis zu 200,00 Euro im Jahr für maximal zwei Kurse bezuschusst.

(1) Quelle: Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung


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