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Kränkungen überwinden: Fehler zu verzeihen kann man lernen

Ganz gleich, ob der Vater in der Kindheit zu wenig für einen da war oder der Partner fremdgegangen ist: Manche Verletzungen sitzen tief und schmerzen lange – wir verraten, warum wir anderen trotzdem häufiger ihre Fehler verzeihen sollten.


© Klubovy / Getty Images

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Fast täglich gibt es Gründe dafür, von dem Verhalten anderer gekränkt zu sein: Da ist die Kollegin, die einen beim Chef angeschwärzt hat, oder der Freund, der eine Kneipentour mit seinen Kumpels einem romantischen Dinner vorzieht. Andere Verletzungen liegen schon länger zurück und machen einem noch immer zu schaffen, zum Beispiel wenn man von einem geliebten Menschen betrogen oder verlassen wurde. Doch ganz gleich, wie tief die Kränkung sitzt: Es lohnt sich, über den eigenen Schatten zu springen und dem anderen seinen Fehler zu verzeihen.

Verzeihen heißt, sich selbst etwas Gutes zu tun

In zahlreichen Studien haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Unversöhnlichkeit Stress erzeugt und sogar krank machen kann. Anhaltende Wut und Rachegedanken wirken sich demnach negativ auf die Herzfrequenz, den Blutdruck und das Immunsystem aus, das Risiko für Depressionen, Herzerkrankungen, Diabetes und weitere Krankheiten steigt. Andersherum gilt: Wer verzeihen kann, leidet seltener unter Stresssymptomen wie Nervosität und Schlaflosigkeit, der Blutdruck sinkt nachweislich und Kopf-, Magen- sowie Rückenschmerzen werden weniger.1

Raus aus der Opferrolle

Gelegentlich wird die Fähigkeit zu verzeihen als Schwäche ausgelegt. Dabei ist genau genommen das Gegenteil der Fall: Jemandem zu verzeihen heißt auch, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen und anderen Menschen nicht zu gestatten, es negativ zu beeinflussen. Verzeihen ist ein aktiver Prozess: Man kann sich bewusst entscheiden, Wut und Enttäuschung loszulassen. Das bedeutet nicht, eine Entschuldigung für den Menschen zu erfinden, der einen verletzt hat, seine Verantwortung für die Kränkung herunterzuspielen oder sie zu rechtfertigen. Es geht vielmehr darum, die Situation, in der man gekränkt wurde, anders zu betrachten.

Verzeihen lernen in sieben Schritten

Anderen bewusst ihre Fehler zu verzeihen erfordert Kraft, lässt sich aber lernen. Wichtig ist, sich nicht unter Druck zu setzen, denn vor allem tief sitzende Wunden brauchen Zeit, um zu heilen. Folgende Tipps können dabei helfen.

  1. Verzeihen ist ein Prozess, der in Ihrem Kopf stattfindet. Nur Sie selbst können ihn in Gang setzen und steuern – die Person, die Sie verletzt hat, ist dabei unerheblich. Entscheiden Sie sich also ganz bewusst dafür, mit dem Verzeihen zu beginnen.

  2. Fragen Sie sich, was Sie am Verhalten der anderen Person so gekränkt hat. Fühlen Sie sich unverstanden, nicht ernst genommen oder nicht wertgeschätzt? Das zu verstehen ist wichtig, um über den Schmerz hinwegzukommen.

  3. Geht es um eine Kränkung aus jüngerer Zeit, so hinterfragen Sie auch, ob die Wurzeln dafür vielleicht in der Vergangenheit liegen. Wer schon früher einmal Ähnliches erlebt hat, nimmt Worte oder Taten heute manchmal negativer wahr, als sie gemeint waren.

  4. Schreiben Sie Ihre Gefühle auf. So können Sie Ihre Gedanken besser sortieren und schaffen mehr Klarheit, als wenn Sie nur denken. Vielleicht verfassen Sie auch einen Brief, adressiert an die Person, die Sie verletzt hat. Wenn Sie damit fertig sind, zerreißen Sie alle Zettel. Dieses symbolische Vernichten kann eine sehr befreiende Wirkung haben.

  5. Versuchen Sie, sich in den anderen hineinzuversetzen und sein Verhalten zu verstehen. Menschen nehmen ein und dieselbe Situation ganz unterschiedlich wahr. So hat die andere Person ihr Verhalten vielleicht gar nicht verletzend gemeint oder keine andere Wahl gesehen. Oft kann es helfen, das Gespräch zu suchen und sich mit etwas Abstand noch einmal über das Geschehene auszutauschen.

  6. Oft nehmen wir negative Situationen oder Verhaltensweisen viel stärker wahr als positive. Durchbrechen Sie dieses Denkmuster und konzentrieren Sie sich darauf, welche guten Erfahrungen Sie mit der anderen Person gemacht haben.

  7. Erwarten Sie keine Entschuldigung, anderenfalls sind Sie wahrscheinlich enttäuscht, falls sie ausbleibt.

(1) Quelle: u.a. US-Studien „Forgiveness, Stress, and Health: a 5-Week Dynamic Parallel Process Study“ und „Forgiveness, physiological reactivity and health: the role of anger“


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