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Body Positivity: Zufriedenheit statt Schlankheitswahn

Viele Frauen sind mit ihrem Körper unzufrieden – unabhängig davon, ob sie tatsächlich übergewichtig sind. Ein neues Online-Programm will ihnen dabei helfen, sich rundum wohl in ihrer Haut zu fühlen. Die Psychologin Barbara Nacke stellt es vor.


© Vesnaandjic / Getty Images

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Schon lange wird den Medien nicht nur in Deutschland vorgeworfen, den Schlankheitswahn in unserer Gesellschaft zu befeuern. Und seitdem es normal geworden ist, sich bei Facebook und Instagram selbst zu präsentieren, ist daraus das Phänomen „Body Shaming“ geworden: Aussehen, Figur und Styling werden von Wildfremden harsch kritisiert. Bei vielen Frauen sind Frust und sogar Hass auf den eigenen Körper die Folge und können sogar Ursachen für Essstörungen wie Magersucht und Bulimie sein. Selbst Normalgewichtige sind oft unzufrieden mit ihrer Figur. Um sie dabei zu unterstützen, ein zufriedeneres Leben zu führen, haben Wissenschaftler des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie der TU Dresden und der Stanford School of Medicine das Online-Programm „everyBody“ entwickelt. Wir haben die Diplompsychologin und Studienkoordinatorin Barbara Nacke dazu befragt.

Mobil-e: Frau Nacke, was verbirgt sich hinter den Begriffen „Body Shaming“ und „Body Positivity“?

Barbara Nacke: Body Shaming umfasst im Prinzip alle Vorgänge, bei denen Menschen aufgrund ihres Aussehens, ihres Gewichts, ihrer Figur oder anderer Körpermerkmale kritisiert oder runtergemacht werden. Das kann auch sehr subtil passieren, beispielsweise indem eine sehr schlanke Frau einer weniger schlanken ungefragt Ernährungstipps gibt. Mit Body Positivity ist hingegen gemeint, seinen Körper so anzunehmen, wie er ist, und wohlwollend mit ihm umzugehen, wohlgemerkt, ohne einen ungesunden Lebenswandel zu verfolgen und sich und den Körper zu vernachlässigen.

Mobil-e: Und das möchte das Online-Programm „everyBody“ unterstützen?

Barbara Nacke: So kann man es sagen. Mit dem Programm möchten wir Frauen ein entspanntes Verhältnis zu ihrem Körper vermitteln. Frauen mit geringer Körperzufriedenheit oder Essstörungen versuchen meist, ihren Körper irgendwie zu verändern. Für viele ist es ein schwieriger Schritt, sich einzugestehen, dass wir nun mal den Körper haben, den wir haben, und nicht den, den wir vielleicht gerne hätten. Wir können nun versuchen, diesen Körper irgendwie zu verbessern, oder wir können ihn annehmen, wie er ist, und ihm Gutes tun. Beides kann von außen ganz ähnlich aussehen, der entscheidende Unterschied ist, wie es sich von innen anfühlt.

Mobil-e: Wie ist das genau gemeint?

Barbara Nacke: Wenn eine Frau beispielsweise zum Ziel hat, ihren Körper zu verbessern, wird sie viel über ihre Ernährung nachdenken, vielleicht bestimmte Lebensmittel meiden und gezielt Sport treiben, um straffer oder leichter zu werden. Eine Frau, die ihren Körper angenommen hat und ihm Gutes tun will, wird auch auf ihre Ernährung achten, aber eher darauf, ob sie sich durch bestimmte Lebensmittel energiegeladen oder träge fühlt. Sie wird vielleicht auch regelmäßig Sport treiben, aber weil es ihr Spaß macht und sie sich nach dem Training besser fühlt. Die zweite Herangehensweise ist unserer Erfahrung nach leichter aufrechtzuerhalten und macht Frauen zufriedener. Es gibt Hinweise, dass Frauen, die mit ihrem Körper im Reinen sind, sich ausgewogener ernähren und regelmäßiger bewegen, also gut für ihren Körper sorgen.

Mobil-e: Geht es ausschließlich um das Wohlbefinden oder auch um die Gesundheit?

Barbara Nacke: Sowohl als auch. Wiederholte Diäten, gezügeltes Essverhalten und ein übermäßiger Einfluss von Figur und Gewicht auf das Selbstwertgefühl haben sich in Studien als Risikofaktoren für Essstörungen erwiesen und wurden auch mit Übergewicht samt Folgeerkrankungen in Verbindung gebracht.  Selbst wenn sich keine voll ausgeprägte Essstörung entwickelt, erschwert die starke Beschäftigung mit dem eigenen Körper vielen Frauen, ihre Lebensziele zu verfolgen. Das hat die Entwicklung von „everyBody“ angeregt. Das Programm hilft Frauen dabei, zufriedener mit ihrem Körper zu sein, ohne dass sie ihn verändern müssen.

Mobil-e: Was sind die Inhalte des Programms?

Barbara Nacke: „everyBody“ bietet Informationen und praktische Übungen zu den Themen Körperbild, Selbstwert, Schönheitsideal, Bewegung sowie Ernährung. Die Teilnehmerinnen können sich untereinander austauschen, gegenseitig unterstützen und Rat holen. Wir führen viele persönliche Chats, in denen wir sie bei ihren individuellen Anliegen und Herausforderungen unterstützen, und überlegen zum Beispiel gemeinsam, wie sich Veränderungen im Alltag einbauen lassen. Es geht nicht darum, abzunehmen, zuzunehmen oder den Körper zu verändern, sondern wir möchten Frauen dabei unterstützen, ein ausgewogenes Ernährungs- und Bewegungsverhalten zu entwickeln, das zu den Bedürfnissen ihres Körpers passt. Unser Programm beruht zum einen auf der Grundannahme, dass man unabhängig vom Gewicht fit und ausgewogen leben kann. Die zweite wichtige Grundlage von „everyBody“ ist das intuitive Essen, bei dem man sich am Hunger- und Sättigungsgefühl orientiert, nicht an auferlegten Ernährungsregeln.

Mobil-e: Wie läuft das genau ab?

Barbara Nacke: Das gesamte Programm wird online durchgeführt, also orts- und zeitunabhängig. Wer teilnehmen möchte, klickt auf unseren Link zur Anmeldung , beantwortet einen kurzen Fragebogen und erstellt sich dann einen Account auf der Plattform. Anhand der individuellen Angaben wird ein passendes Programm zusammengestellt. Auf der „everyBody“-Plattform gibt es dann jede Woche neue Übungseinheiten. Je nach den persönlichen Schwerpunkten der Teilnehmerin dauert das Programm vier bis zwölf Wochen. Um es wissenschaftlich auswerten zu können, fragen wir vor und nach der Teilnahme nach Essgewohnheiten, Körperzufriedenheit, Selbstwertgefühl und der allgemeinen Lebenssituation. Die Teilnahme ist anonym und kostenfrei. Es erfolgt keine Weitergabe der Daten an die Krankenkasse.

Mobil-e: Was haben die Frauen von einer Teilnahme?

Barbara Nacke: In einer Vorstudie hat sich gezeigt, dass die Teilnehmerinnen langfristig zufriedener mit ihrem Körper werden, weniger gezügelt essen, ihr Selbstwertgefühl verbessern und ihre Lebenszufriedenheit steigern – ganz im Sinne der Body Positivity. Auch die aktuellen Teilnehmerinnen erzählen uns, dass sie sich bei „everyBody“ gut aufgehoben fühlen, ihren Körper wohlwollender behandeln und für die Unterstützung durch andere dankbar sind.

„everyBody“ – ein Programm für mehr Körperzufriedenheit

Weitere Informationen und den Link zur Anmeldung gibt es auf www.icare-online.eu/de/everybody.html. Übrigens: „everyBody“ ist auch für Frauen verfügbar, die aufgrund einer Essstörung auf einen Therapieplatz warten. Nähere Informationen dazu finden Sie auf www.icare-online.eu/de/everybody-plus.html.


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