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Ausgabe 2-2009
Video Fahrradhelm
Radtour mit Kindern
Familie
Kinder: Mehr Sicherheit im Straßenverkehr
Stellen Sie sich vor, Sie stehen plötzlich an einer zehnspurigen Schnellstraße mitten in Tokio. Sie haben Scheuklappen auf, Ihre Beine sind geschrumpft, von allen Seiten hupt es, die seltsamen Schriftzeichen auf den Schildern können Sie nicht lesen. Und von der Straßenseite gegenüber winkt Ihre Reiseführerin hektisch: Kommen Sie endlich?! So ungefähr ergeht es Kindern jeden Tag auf unseren Straßen - denn sie nehmen den Straßenverkehr anders wahr als Erwachsene.
In komplizierten Situationen überfordert
Auch wenn sie die einfachen Verkehrsregeln schon kennen: In komplizierten Situationen – etwa beim Überqueren einer stark befahrenen Straße oder beim Radfahren auf einem zugeparkten Gehweg – können Kinder oft nicht angemessen reagieren. Denn sie sind nun mal keine kleinen Erwachsenen:
- Das Blickfeld von Kindern ist nach links und rechts ein Drittel enger. Seitlich herankommende Fahrzeuge bemerken sie daher erst spät.
- „Zwerge“ können nicht über parkende Autos hinwegsehen. Sie sehen weniger und werden auch weniger gut gesehen.
- Viele 7-Jährige unterscheiden noch nicht zwischen Sehen und Gesehenwerden. Wenn sie ein Auto sehen, sind sie davon überzeugt, dass der Fahrer auch sie sieht.
- Kinder können Geräusche nur schlecht orten. So erkennen sie oft nicht rechtzeitig, aus welcher Richtung Hupzeichen oder Motorengeräusche kommen.
- Kinder sind erst mit 8 Jahren in der Lage, Geschwindigkeiten und Bremswege einigermaßen richtig abzuschätzen.
- Kurze Beine, kleinere Schritte: Kinder brauchen wesentlich länger, um eine Straße zu überqueren.
- Kinder reagieren schnell „kopflos“, wenn sie auf mehrere Dinge gleichzeitig achten müssen. Sie rennen einfach los, wenn auf der anderen Straßenseite Freunde warten.
- Kinder nehmen nur die Dinge wahr, die sie gerade interessieren. Alles andere wird unbewusst ausgeblendet.
Erst nach der Verkehrsschule allein auf die Straße
Dr. Susann Richter, Verkehrspsychologin an der Technischen Universität Dresden, warnt: „Die für eine selbstständige Teilnahme am Straßenverkehr notwendige Aufmerksamkeit ist im Vorschulalter noch kaum, im Grundschulalter noch nicht vollständig ausgebildet und erst ab etwa 14 Jahren dem Erwachsener vergleichbar.“ Das Bayerische Staatsministerium des Innern empfiehlt, dass Kinder erst dann alleine auf der Straße Fahrrad fahren, wenn sie an der Verkehrserziehung in der Jugendverkehrsschule teilgenommen haben – meist in der 4. Klasse.
Kinder unter 10 sind den Gefahren noch nicht gewachsen
Der moderne Straßenverkehr ist derart komplex, dass der Gesetzgeber davon ausgeht, dass Kinder den Gefahren des Straßenverkehrs bis zum 10. Geburtstag noch nicht gewachsen sind. Wenn ein neunjähriges Kind einen Unfall verursacht, trägt es nie die Schuld, auch die Eltern haften normalerweise nicht. Das Kind hat sogar Anspruch auf Schadenersatz und Schmerzensgeld, wenn es bei dem Unfall verletzt wird.
Immer wieder richtiges Verhalten üben
Trotz aller Einschränkungen müssen sich Kinder im öffentlichen Verkehrsraum bewegen. Damit sie das so sicher wie möglich tun, sollten die „Großen“ mit den „Kleinen“ immer wieder das richtige Verhalten trainieren – und beobachten, ob die Richtlinien auch eingehalten werden. Am wichtigsten (und wahrscheinlich am schwierigsten) ist es, selbst jederzeit Vorbild zu sein. Wenn ein Kind im Straßenverkehr Fehler macht, hilft Tadel kaum weiter. Denn es kann meist nichts dafür – siehe oben.