Ausgabe wählen

Ausgabe wählen

Ausgabe wählen

Ausgabe 2-2009

Alltag .

Farbsehschwäche: Die Welt mit anderen Augen sehen

Wir leben in einer Welt voller Farben – und halten diese für eine Eigenschaft der Dinge, die uns umgeben. Aber: Farbe ist eine Empfindung. In der Netzhaut der Augen wandeln Photorezeptoren, die so genannten Zapfen beziehungsweise Tagessehzellen, die elektromagnetischen Strahlen des Lichts in Nervenimpulse um.

Signale im Gehirn erzeugen "Farbe"

Damit wir Farben sehen können, müssen alle drei Zapfentypen der Netzhaut, die jeweils unterschiedlich auf bestimmte Wellenlängen reagieren und entsprechende Signale im Gehirn auslösen, zusammenarbeiten. Diese Signale werden im Gehirn verarbeitet und erzeugen dort das, was wir als "Farbe" bezeichnen. „Bei den meisten stimmen die Signalverarbeitung und das Ergebnis so gut überein, dass wir uns mit anderen darüber einig sind – deshalb erscheint uns Farbe als objektives Merkmal von Gegenständen erscheint”, erläutert Prof. Dr. Hermann Krastel vom Universitätsklinikum Heidelberg.

Die üblicherweise mit der Bezeichnung „Farbenblindheit” gemeinten Verwechslungen von Farben sind die häufigsten „Störfälle”. Einigen Beobachtern erscheinen Farben gleich, die von der Mehrheit unterschiedlich gesehen werden. Dies ist der Fall bei angeborenen Rot-Grünsinn-Störungen.

3,2 Millionen Menschen von Farbsehschwäche betroffen

Rund acht Prozent der Männer und etwa 0,4 Prozent der Frauen sind von einer angeborenen Rot-Grün-Farbsehschwäche betroffen – das sind in Deutschland etwa 3,2 Millionen Menschen, die die Farben Rot, Grün und Gelb nur schwer oder gar nicht unterscheiden können. Das Fehlen oder die mangelnde Ausprägung – die sogenannte „Unterwertigkeit” eines Zapfentypen in der Netzhaut, sorgt dafür, dass das entsprechende Signal, das von den Zapfen ausgesendet wird, im Gehirn schwächer ankommt. Überwiegen die langwelligen Zapfensignals im Gehirn, sehen wir Rot, dominiert das mittelwellige Signal, sehen wir Grün. Bei ausgewogenem Verhältnis der Signale Gelb. Fehlt nun aber der für Strahlen im lang- oder mittelwelligen Bereich empfindliche Zapfen (oder ist er unterwertig), wird der entsprechende Wellenlängenbereich dunkler gesehen – mit der Folge, dass die farbliche Unterscheidung der Farben Rot und Grün von Gelb erschwert oder unmöglich ist.

Herausforderung Straßenverkehr

Menschen mit Rot-Grün-Farbsehschwäche stehen im Straßenverkehr vor besonderen Herausforderungen – nicht nur an Ampeln. Wie groß die Schwierigkeiten ausfallen, hängt von der genauen Art der Sehstörung ab: Unterschieden werden Deutan- und Protanstörungen. Menschen mit Deutanstörungen (etwa drei Viertel der Rot-Grün-Farbsehschwachen) leiden unter der erschwerten oder unmöglichen Unterscheidung der Farben Grün, Rot und Gelb und erkennen daher nur am Leuchten der Ampel, ob sie grün oder rot anzeigt. Bei Betroffenen mit Protanstörungen, die bei einem Viertel der Rot-Grün-Farbenblinden vorliegen, besteht darüber hinaus auch noch ein Helligkeitsverlust für die Farbe Rot, was die Signalwirkung beispielsweise von Brems- oder Nebelschlussleuchten verringert.

 

Selbst moderne Technik, die die Orientierung im Strassenverkehr erleichtern soll, hat für Menschem mit Rot-Grün-Schwäche ihre Tücken. Tests von Navigon, einem weltweit agierenden Hersteller von Navigationssystemen, haben gezeigt, dass Menschen mit Rot-Grün-Farbsehschwäche, der häufigsten Form der so genannten „Farbenblindheit”, bei der Nachtansicht auf dem Display die dargestellten Bundesstraßen nur schwer von der zu befahrenden Route unterscheiden konnten – die Farben erschienen für Farbfehlsichtige sehr ähnlich. Zumindest für dieses Problem gibt es jetzt eine Lösung: Auf die Verwendung von Verwechslungsfarben der Farbfehlsichtigen wurde verzichtet, so dass das Gerät die Orientierung im Straßenverkehr auch für die Betroffenen erleichtert.

 

Kinder zusätzlich gefährdet

Die Rot-Grün-Farbschwäche kann besonders für Kinder, für die der Strassenverkehr ohnehin eine große Herausforderung ist eine zusätzliche Gefährdung bedeuten. Ist die Sehschwäche bekannt, können Eltern und Erziehungsberechtigte durch besondere Aufmerksamkeit mehr Sicherheit schaffen. Auch deshalb ist eine augenärztliche Untersuchung ein wichtiger Bestandteil der Kinder- und Jugenduntersuchungen.

© 2009 Impressum